Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Plischke
„Nachhaltigkeit eröffnet neue Geschäftschancen“
Bild vergrößernProf. Dr. Wolfgang Plischke, im Vorstand der Bayer AG verantwortlich für die Bereiche Innovation, Technologie und Umwelt sowie die Region Asien/Pazifik
Bayer hat sich in der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise relativ gut behauptet und in dem schwierigen Umfeld des Jahres 2009 sogar das drittstärkste operativen Ergebnis in der Unternehmensgeschichte überhaupt erzielen können. Inwiefern trug dazu die verstärkte Ausrichtung der Unternehmensstrategie auf Nachhaltigkeit bei?
In ganz wesentlichem Maße. Denn das Denken und Handeln war bei Bayer schon immer auf langfristigen Erfolg ausgerichtet. Wir haben den Konzern auf nachhaltige Lösungsbeiträge zu den großen Megatrends ausgerichtet. Diese Strategie hat sich gerade in der hoffentlich jetzt hinter uns liegenden Krise als richtig erwiesen. Innovation ist dabei der Treiber unserer auf Nachhaltigkeit zielenden Unternehmensstrategie. Wir sehen es als unsere Pflicht und Chance, tragfähige Lösungen für die Zukunft zu entwickeln. Dieser langfristige Blick in die Zukunft ist ein wesentlicher Aspekt der Nachhaltigkeit.
Welche Rolle haben für Sie die Mitarbeiter?
Unsere Mitarbeiter haben hier natürlich eine Schlüsselfunktion. Ohne ihre Innovationskraft und Motivation wären unsere Strategien zum Scheitern verurteilt. Daher ist es uns auch so wichtig, beides nach Kräften zu fördern – zum Beispiel durch die Beteiligung unserer Belegschaft am Unternehmenserfolg sowie unsere intensiven Aktivitäten auf den Gebieten Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz oder auch zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. So setzen wir mit Erfolg auf eine verantwortungsvolle Personalpolitik, die die besten und innovativsten Kräfte an das Unternehmen bindet.
Sie haben im November 2009 eine weiterentwickelte Nachhaltigkeitsstrategie vorgestellt. Welche Inhalte verbinden Sie damit?
Zunächst ist mir wichtig, dass wir natürlich auf dem bisher Erreichten aufbauen. Denn auf eines sind wir stolz: Nachhaltiges Handeln hat bei Bayer ein lange Tradition und wird von vielen Stakeholdern weltweit anerkannt. Aber darauf wollen und werden wir uns nicht ausruhen. Unsere aktuelle Nachhaltigkeitsstrategie orientiert sich daher noch deutlicher an unseren Kernkompetenzen und unserem Portfolio. Wir haben globale Trends und resultierende Herausforderungen als Ausgangspunkt verwandt und fokussieren unser Engagement auf drei Schwerpunkte: Gesundheitsversorgung, Ernährung sowie Klima- und Ressourcenschutz. Aktuell zeigen unsere Arbeitsgebiete in acht internationalen Leuchtturm-Projekten, wie Bayer mit seinem Know-how wirksame Beiträge für eine nachhaltige Entwicklung leisten kann.
Wie sieht solch ein Beitrag konkret aus?
Nehmen Sie das Thema Ernährung: Der Bedarf an Nahrung wird weiter steigen, während die landwirtschaftlichen Anbauflächen zurückgehen. Der fortschreitende Klimawandel bedroht zudem Ernten – sei es in Form von Wetterextremen oder durch das regional verstärkte Auftreten von schädlichen Insekten. Nur durch den integrierten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und innovativem Saatgut wird in Zukunft eine nachhaltige Landwirtschaft möglich sein…
…die aber auch in der Lage sein muss, die Bauern in den dortigen Regionen zu ernähren.
Sie sagen es. Deshalb haben wir in Indonesien, wo mehr als 40 Millionen Menschen vom Grundnahrungsmittel Reis leben, ein Programm für eine neue Anbaumethode ins Leben gerufen, das die Ertrags- und Einkommenssituation der Reisbauern nachhaltig verbessern soll. Im Rahmen eines integrierten Ansatzes stellt Bayer dazu die notwendigen Sämaschinen, das Know-how und Pflanzenschutzmittel zur Verfügung.
Wissen zu vermitteln und Erfahrungen auszutauschen stehen doch auch im Zentrum Ihres Konzepts der „Food Chain Partnerships“. Wie gehen Sie dabei vor?
Die „Food Chain Partnerships“ bringen alle Akteure der Wertschöpfungskette zusammen – also die Beteiligten in der Produktion, Verarbeitung, im Transport und Verkauf von Lebensmitteln. Dieses Konzept liegt auch unserem Leuchtturm-Projekt im indischen Gemüseanbau zugrunde. Wir unterstützen lokale und nachhaltige Landwirtschaftsstrukturen mit dem Ziel, dass die Verbraucher beste Qualität erhalten. Und die indischen Bauern verbessern gleichzeitig ihre Einkommenssituation. Eine Partnerschaft, von der alle profitieren.
Stichwort Partnerschaften: Sie scheinen für Bayer zunehmend an Bedeutung zu gewinnen.
Völlig richtig. Wir setzen Partnerschaften in den unterschiedlichsten Bereichen um. Das zeigt sich etwa beim Umgang mit den verschiedenen Teilnehmern im Wirtschaftsleben. Es sollte – so meinen wir – immer einen partnerschaftlichen Charakter haben. Wir gehen aber auch ganz gezielt partnerschaftliche Kooperationen ein, um gemeinsam Lösungen einen Schritt näherzukommen.
…der Bereich Gesundheit. Die große Herausforderung der weltweiten Gesundheitsversorgung kann nur partnerschaftlich bewältigt werden. Unsere „Allianzen für nachhaltige Gesundheitsversorgung“ gehen dies konkret an: So kooperieren wir im Rahmen unseres Leuchtturm-Projekts „Familienplanung“ unter anderem mit der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung und der amerikanischen Entwicklungsbehörde USAID. In Afrika haben wir gemeinsam begonnen, preiswertere Verhütungsmittel auf den Markt zu bringen, die für die lokale Bevölkerung erschwinglich sind. Und mit der WHO haben wir einen starken Partner in der Bekämpfung von vernachlässigten Krankheiten.
Angesichts des Klimawandels verknüpfen viele das Thema Nachhaltigkeit in starkem Maße mit Emissionen und Verantwortung für die Umwelt. Wie nehmen Sie diese Verantwortung wahr?
Obwohl wir im Konzern unsere absoluten Treibhausgas-Emissionen von 1990 bis 2005 durch ein Bündel von Maßnahmen bereits um 32 Prozent gesenkt haben, haben wir uns neue ehrgeizige Ziele gesetzt. Im Teilkonzern Bayer MaterialScience zum Beispiel, der für etwa 80 Prozent des Bayer-Energieverbrauchs steht, werden wir die spezifischen Emissionen bis 2020 noch einmal um 25 Prozent senken. Außerdem wollen wir den Einsatz von Ressourcen noch besser steuern. So testen wir unseren Ressourceneffizienz-Check derzeit in Pilotprojekten. Das Ziel ist hier, Maßnahmen im Produktionsprozess und in den Aufarbeitungsverfahren zu identifizieren, mit denen die Ressourceneffizienz, zum Beispiel von Ausgangsstoffen, Wasser oder Lösungsmitteln, weiter gesteigert werden kann.
Aber können denn Bayer-Produkte auch unmittelbar helfen, Ressourcen zu schonen?
Unbedingt. Bayer MaterialScience liefert dafür zahlreiche Beispiele. Das Produktportfolio reicht in diesem Arbeitsgebiet von modernen Dämmstoffen und Hightech-Folien bis hin zu energiesparenden Leuchtkörpern. Damit können wir unmittelbar zu einer energieeffizienten Bauweise beitragen. Vor diesem Hintergrund haben wir auch das Leuchtturm-Projekt „EcoCommercial Building“ ins Leben gerufen; schließlich sind 20 Prozent der weltweiten Treibhausgas-Emissionen auf den Energieverbrauch von Gebäuden zurückzuführen. Bei diesem Projekt vernetzen wir alle Akteure im Bereich Gebäudebau und fördern den Einsatz von Baustoffen, die die Emissionen weiter reduzieren.
Das heißt aber auch, dass nachhaltige Produkte für Ihr Geschäft wichtig sind?
Selbstverständlich. Nachhaltigkeit eröffnet neue Geschäftschancen – und diese nutzen wir. Zum Beispiel in der Entwicklung von Gesundheitsmärkten weltweit oder durch die Erforschung stressresistenter Pflanzen. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass die Nachfrage nach nachhaltig produzierten Gütern ebenso zunehmen wird wie die Sensibilität der Verbraucher gegenüber Nachhaltigkeitsthemen. Dadurch werden wir kontinuierlich angespornt, in allen Bereichen unserer Geschäftstätigkeit innovative Produkte auf den Markt zu bringen, die dem gerecht werden. Mit unserem neuen Instrument zur Messung des Nachhaltigkeitsbeitrags unserer Produkte tragen wir dem heute schon Rechnung.
Eine Reihe Ihrer Nachhaltigkeitsziele sind auf das Jahr 2010 bezogen – was passiert ab 2011?
Wir werden zwei Dinge unternehmen: Auch in Zukunft werden wir transparent über unsere Zielerreichung berichten. Und wir werden neue, ehrgeizige Ziele formulieren. Denn Nachhaltigkeit ist für uns keine Zeiterscheinung, sondern muss in unser Geschäft integriert sein. Diesen Weg werden wir konsequent verfolgen.